Viele Fragen zum Stillen

VIELE FRAGEN ZUM STILLEN

 

WOHER WEISS ICH, DASS DAS BABY HUNGER HAT?

Wenn es schreit und strampelt, hat es wahrscheinlich schon ziemlich doll Hunger.

Ihr werdet mit der Zeit lernen die Hungerzeichen Eures Kindes zu erkennen.

Die meisten Kinder sind, bevor sie anfangen vor Hunger zu weinen, sehr unruhig. Sie schmatzen viel, strecken ihre Zunge raus, führen ihre Fäustchen zum Mund, saugen an den Händen und strampeln.

In den ersten Wochen haben sie noch sehr ausgeprägt den Suchreflex. Wenn Ihr dem hungrigen Baby über die linke Wange streicht, wird es sein Köpfchen nach links drehen auf der Suche nach der Brust. Wenn Ihr ihm dann rechts die Wange streicht, dreht es das Köpfchen zu dieser Seite. Wenn es dagegen satt ist, funktioniert das nicht.

Deshalb ist auch gut, das Baby nicht zu sehr im Gesicht zu streicheln, wenn Ihr Mühe habt, es an die Brust zu bringen. Das lieb und beruhigend gemeinte Streicheln kann das Baby in dem Moment irritieren. Aber wenn es mal richtig an der Brust ist, dann könnt Ihr streicheln und kuscheln so viel Ihr wollt.

WOHER WEISS ICH, DASS DAS BABY GENUG MILCH BEKOMMT?

Diese Frage beschäftigt und verunsichert viele Frauen. Wenn man einen Schoppen gibt, sieht man immer, wieviel das Kind getrunken hat. Das ist beim Stillen bisschen schwieriger.

Früher hat man die Kinder häufig vor und nach dem Stillen gewogen. Die Differenz war dann die Stillmenge. Aber das macht man nicht mehr, da das die Frauen so sehr unter Druck gesetzt hat, dass man eher das Gegenteil erreicht hat.

Zeichen effektiven Stillens

Wenn Ihr stillt und Euer Kind beobachtet, dann sind folgende Faktoren wichtig

• Die Saugbewegungen sollten bis zum Ohr zu sehen sein. Nicht nur ein oberflächliches Nuckeln.

• Alle paar Saugbewegungen solltet ihr das Kind die angesammelte Milch schlucken hören.

• Gelegentlich sieht man Milch in den Mundwinkeln des Babys.

• Ein sattes, kleines Neugeborenes schläft häufig nach dem Stillen ein und ist wie in einem „Milchkoma“.

Bei ausreichender Milchmenge…

…hat das Kind ca. 5 nasse Windeln am Tag

…hat das Kind Phasen am Tag, in denen es wach und zufrieden wirkt

…nimmt das Kund ab dem 4. Lebenstag nicht weiter ab, sondern ab dann wieder zu.

…hat das Kind spätestens am 14. Lebenstag sein Geburtsgewicht wieder erreicht.

Die meisten Kinder nehmen in den ersten Lebensmonaten wöchentlich 100-200 Gramm zu. Hier findet man viele verschiedene Angaben. Lasst euch davon nicht irritieren.  Betrachtet nicht nur die Werte alleine, sondern im Zusammenhang mit den anderen Zeichen. Wenn ein Kind mal weniger zunimmt, es ihm aber ansonsten gut geht, es gut aussscheidet und regelmässig und gut trinkt, dann macht euch nicht wegen der Einhaltung von Normwerten verrückt.

Solche Werte sind immer nur Anhaltspunkte. Mein Sohn hat in den ersten Wochen 400 Gramm pro Woche zugenommen. Also viel mehr als diese Richtwerte vorgeben. Nach ein paar Wochen hat er seine Perzentilenkurve gefunden. Er ist bis heute eher klein, kräftig  gebaut und hat Normalgewicht für sein Alter.

TUT STILLEN WEH?

Jein.

Eigentlich nicht.

In den ersten Tagen müssen die Brustwarzen sich erst an diese ungewohnte Belastung gewöhnen und reagieren auch bei richtiger Ansetztechnik zum Teil gereizt.

Typisch ist vor allem in den ersten Tagen ein „Ansetzschmerz“: viele Frauen ziehen die Luft vor Schmerz ein, wenn sie das Baby ansetzen. Es fühlt sich ein bisschen so an, als nähme man sich eine Kneifzange an die Brust. Aber wenn ihr gedanklich bis 10 zählt, sollte der Schmerz abgeklungen sein. Sonst stimmt wahrscheinlich mit der Ansetztechnik etwas nicht und ihr müsst es nochmal versuchen. Nach paar Tagen haben sich die Brustwarzen an das Stillen gewöhnt und mit der Zeit tut es überhaupt nicht mehr weh.

Sollte irgendwann während der Stillzeit plötzlich ein stechender, brennender Schmerz auftreten, der sowohl an den Brustwarzen als auch innerhalb der Brust auftritt, kann es ein Soor sein, eine Pilzerkrankung.

WIE DIE BRUST PFLEGEN?

Nach dem Stillen empfehlen wir, die Brust so zu belassen wie sie ist. Weder den Speichel des Babys noch die Milchreste abwischen. Am besten noch einen Tropfen Muttermilch ausstreichen und auf der Brustwarze verteilen. Der Milchzucker und die im Speichel enthaltenden Immunglobuline, die Antikörper, wirken pflegend.

Die Brust muss nicht speziell gereinigt und schon gar nicht desinfiziert werden.

Eine ganz normale Körperpflege reicht aus.

Als gute Cremes zur Behandlung der Brustwarzen gelten Lanolinsalben.

Lanolinsalben werden auf der Basis von Wollfett von Schafen gewonnen. Wollfett hat die Eigenschaft, ein Vielfaches seines Eigengewichts an Wasser aufzunehmen. Es schützt die Haut vor Austrocknung, hält sie geschmeidig und wirkt wundheilend.

Solltet ihr wunde Warzen haben, hilft es, Verschorfungen vorzubeugen oder zu behandeln. Lanolin muss nicht vor dem Stillen abgewischt werden.

Es ist ganz wichtig, die Haut schnell wieder intakt zu bekommen, da Wunden in der Haut immer eine Eintrittspforte für Keime sind. Und durch wunde Brustwarzen können Keime in die Brust eindringen und eine Brustdrüsenentzündung, eine Mastitis, auslösen.

Bei sehr wunden Brustwarzen ist es gut, wenn ihr Eure Hebamme oder eine Stillberaterin hinzuzieht. Es ist wichtig, die Ursache herauszufinden. Verschiedene Hebammen haben verschiedene Erfahrungen gemacht, was bei wunden Brustwarzen hilft.

Die Lanolinsalbe Purelan 100 von Medela könnt ihr in Apotheken oder bei mir kaufen, ebenso die →Hydrogelpads zur Behandlung  von schmerzhaften und wunden Brustwarzen.

WIE STILLE ICH AM BESTEN NACHTS?

Am besten seitlich liegend (siehe Stillpositionen). Ich bin ein grosser Freund des Beistellbettchens „Babybay“. Da schläft das Kind geschützt in seinem eigenen Bett, ist aber trotzdem so nah, als wäre es im Elternbett. Zum stillen kann man es zu sich heranziehen, seitlich liegend stillen und sofort weiter schlafen.

Ich empfehle Euch, von Eurem Verhalten von Anfang an einen deutlichen Unterschied zwischen Tag und Nacht klar zu machen. In der Nacht bleibt es möglichst dunkel und es wird leise gesprochen und wenig Programm gemacht. Gewickelt wird nur, wenn es nötig ist.

WAS BEDEUTET ‚SAUGVERWIRRUNG‘? UND: ‚NUGGI‘, JA ODER NEIN?

Saugverwirrung meint, dass Neugeborene, wenn sie mit verschiedenen Saugmustern konfrontiert werden, dadurch irritiert werden können.

Das Saugmuster an einer Milchflasche ist ein anderes als an der Brust.

Das Saugmuster an einem Nuggi ist wieder anders.

Zur besseren Vorstellung:

Trinken an der Brust ist so eine ähnliche Bewegung mit der Zunge als wollte man einen umgedrehten Löffel voll Nutella ausschlecken.

Trinken an der Milchflasche ist eher so als würde man an einem Strohhalm trinken.

Saugen an der Brust ist vor allem am Anfang, wenn die Brust noch nicht so viel Milch produziert und der Milchspendereflex noch nicht so eingespielt ist, viel mühsamer und mit Anstrengung verbunden als bei einer Flasche mit grossem Saugerloch.

Deshalb ist die Empfehlung, in den ersten Wochen, wenn möglich, ausschliesslich die Trinktechnik an der Brust zu üben, um das Baby nicht zu irritieren.

Selbstkritische Anmerkung

Ich denke, bei dem Thema „Saugverwirrung“ ist bei der Stillförderung der letzten Jahre ein bisschen übertrieben worden und hat dazu beigetragen, dass Frauen sich unter Druck gesetzt gefühlt haben.

Ich weiss von Frauen, die dem Kind heimlich einen Schnuller ins Spital geschmuggelt haben, weil sie das, wegen der Saugverwirrung besorgte Personal, nicht fragen wollten.

Soweit ich das beurteilen kann, hat da aber inzwischen wieder ein Umdenken zugunsten einer pragmatischeren Sichtweise stattgefunden.

Ich persönlich denke, dass es gut ist, nicht allen Neugeborenen einen Nuggi zu geben, nur weil sie damit so niedlich aussehen oder weil man gerade einen geschenkt bekommen hat. Ich befürworte auch sehr, dass es nicht mehr die vielen Werbegeschenke auf den Wochenbettabteilungen gibt, in denen eben Schnuller, Ersatznahrung und Tees an die Eltern abgegeben wurden.

Es gibt aber Neugeborene, die haben ein so ausgeprägtes Saugbedürfnis, dass sie untröstlich und furchtbar unruhig sind, wenn sie nicht ständig saugen können.

In den Fällen finde ich es eine unnötige Belastung für alle Beteiligte, dem Kind keinen Nuggi zu geben.

Aber es ist sicher richtig, differenziert zu schauen.

Mein ‚militantes‘ Brustkind

Persönlich habe ich meinem Sohn die ersten Wochen nichts anderes als die Brust angeboten. Nach paar Wochen wollte sein Vater ihm dann einen Schoppen mit abgepumpter Muttermilch geben, während ich beim Rückbildungskurs war, aber den hat er standhaft an diesem und allen anderen Abenden verweigert.

Bekäme ich nochmal ein Kind, würde ich nachdem das Stillen einige Wochen etabliert ist, gelegentlich den Schoppen geben, um solche Situationen zu vermeiden und ein bisschen unabhängiger zu sein.

BRAUCHT DAS BABY WASSER ODER TEE, WENN ES HEISS IST?

Nein, eigentlich nicht.

Muttermilch besteht zu 87% aus Wasser. Es liefert dem Kind also genügend Flüssigkeit und wirkt durstlöschend.

Im Normalfall muss man seinem Säugling in den ersten 6 Monaten keine weitere Flüssigkeiten geben. Aber natürlich gibt es auch hier Ausnahmen.

MUSS EIN GESTILLTES KIND EINEN ‚GÖRPS‘ ODER EIN ‚BÄUERCHEN‘ MACHEN?

Nein, müssen gestillte Kinder nicht zwingend. Ich habe meinen Sohn nie nach dem Stillen aufrecht gehalten, damit er die Luft wieder aufstossen konnte. Gestillte Kinder schlucken weniger Luft als flaschenernährte Kinder. Ihr werdet merken, ob es eurem Kind gut tut.

Wenn Euer Kind unter Bauchkrämpfen, Koliken, leidet, ist es einen Versuch wert, während oder nach dem Stillen das Baby über die Schulter zu legen und auf den erlösenden Görps zu warten. Kommt der nach paar Minuten nicht, muss man es nicht weiter versuchen.

Kinder, die eine ausgeprägte Refluxsymptomatik haben, d.h. sie erbrechen grosse Mengen an Nahrung wieder, sollen die Luft aus dem Magen entweichen lassen können, bevor man sie hinlegt.

Alternativ kann man das Baby auch noch aufrecht auf den Schoss setzen, es leicht nach vorne neigen und ihm den Rücken klopfen.

Andere Kinder liegen gerne bäuchlings auf dem Schoss der Eltern und bekommen den Rücken massiert.

WARUM HABE ICH BEIM ZWEITEN KIND MEHR NACHWEHEN BEIM STILLEN?

Beim Stillen wird Oxytocin freigesetzt. Das bewirkt den Milchspendereflex. Kleine Muskelzellen um die milchbildenden Alveolen des Drüsengewebes kontrahieren, d.h. ziehen sich zusammen und pumpen die Milch so nach vorne zum Kind.

Oxytocin ist aber auch das Hormon, was bei der Geburt Wehen macht. Wenn beim Stillen Oxytocin ausgeschüttet wird, wirkt es ebenfalls an den Rezeptoren der Gebärmutter, die sich daraufhin ebenfalls zusammenzieht. Erstgebärende Frauen spüren diese Nachwehen selten schmerzhaft.

Frauen, die zwei oder mehr Kinder geboren haben, leiden zum Teil unter starken Nachwehen. Es braucht mehr Kraft, die Gebärmutter ein weiteres mal zurückzubilden.

Im Spital werden routinemässig die Wirkstoffe Ibuprofen und Paracetamol verschrieben, die stillverträglich sind. Medikamente müssen aber immer in Rücksprache mit eurem Arzt eingenommen werden.

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