Blutungskomplikationen

Stellt Euch vor, Ihr habt die Geburt geschafft. Das Baby ist vor einer Dreiviertelstunde auf die Welt gekommen. Es trinkt schon kräftig an der Brust. Euch tut nichts mehr weh. Die Plazenta ist noch nicht gekommen. Aber das stört Euch nicht.

Plötzlich fängt es aus der Gebärmutter an zu bluten, aber auch das tut gar nicht weh…

Warum wird die Hebamme so unruhig???

Weil das die gefährlichste Situation für Euch Frauen ist! Viel gefährlicher als alles andere vorher!

Das soll Euch auch keine Angst machen. Aber es soll ein bisschen relativieren und erklären, warum wir bei Eurem Wehenschmerz sehr entspannt bleiben. Wenn ihr aber in der Nachgeburtsphase anfangt zu bluten sind wir das nicht.

Der Wehenschmerz tut Euch nichts, aber die Blutung kann richtig gefährlich werden.

Blutungskomplikationen sind noch immer die grösste Bedrohnung für Frauen nach der Geburt.

Deshalb gratulieren wir Euch auch erst, wenn die Plazenta, der Mutterkuchen geboren ist.

Nachgeburtswehen zur Ablösung der Plazenta

Normalerweise zieht sich die Gebärmutter einige Minuten nach der Geburt des Babys zusammen. Das sind die Nachgeburtswehen. Durch diese Verkleinerung der Haftfläche der Plazenta schert diese ab. Dabei fliesst ca. 200-500 ml Blut. Die Gebärmutter macht nach der Geburt der Plazenta automatisch Nachwehen.

Die spürt man nach der Geburt des ersten Kindes eigentlich kaum. Erst beim zweiten oder weiteren Kindern werden die Nachwehen unangenehm.

Nachwehen zur Blutstillung

Durch diese permanenten Nachwehen ziehen die Muskelfasern der Gebärmuttermuskulatur die durchtrennten Blutgefässe, an denen in der Schwangerschaft die Plazenta angehaftet war, zusammen. Jedes einzelne offene Blutgefäss wird so durch die Muskulatur wie mit einem Knoten zugezogen. Zusätzlich bildet der Körper Thromben (= Blutgerinnsel) an den Enden der Blutgefässe. So wird die Blutung perfekt gestillt. In den ersten Tagen geht aus dieser Haftstelle immer noch eine Blutung ab, die stärker ist als eine Periode, aber nicht mehr.

Wenn dieser Blutstillungsmechanismus nicht funktioniert, wie in diesem Beispiel, kann der Blutverlust lebensbedrohlich werden.

Manuelle Plazentalösung

Wenn die Plazenta sich nur zu einem Teil löst und es stark blutet, muss man die Plazenta manuell lösen.

„Manuelle Plazentalösung“, bedeutet, die Plazenta tatsächlich mit der Hand von der Innenseite der Gebärmutter zu lösen.

Das geht nur, wenn die Frau eine sehr gut sitzende PDA hat, bzw. eine kurze Vollnarkose gemacht wird. Bei uns findet dieser Eingriff meistens im Gebärzimmer und nicht in einem OP statt. Der Mann geht dann mit dem Baby in ein anderes Zimmer. Der Eingriff dauert nicht länger als eine halbe Stunde. Der Blutverlust beträgt meistens mehr als einen Liter.

Zahlen rund ums Blut

Normales Blutvolumen eines Erwachsenen: 4 Liter

Blutvolumen einer Schwangeren: 5-6 Liter

Normaler Blutverust bei einer Geburt: 200-500 ml

Normaler Blutverlust bei einem Kaiserschnitt: 500-1000 ml

Lebensgefährliche Blutung ab einem Verlust von 2 Litern

Prophylaxe nach der Geburt

In den Spitälern gibt es die Weisung, allen Frauen nach der Geburt des Babys das Medikament Oxytocin zu geben, was die Nachwehen verstärkt. Dadurch löst sich die Plazenta schneller und der Blutverlust ist geringer.

Bei den allermeisten Frauen käme die Plazenta aber auch von alleine innerhalb der ersten halben Stunde bei einem normalen Blutverlust.

Aber wie gesagt, vor der Blutung hat man im Spital grossen Respekt.

Alternative Methoden

Wenn die Plazenta nicht innerhalb von 30 Minuten kommt, versuchen wir verschiedene Methoden:

• Das Baby an die Brust anzusetzen, das setzt körpereigenes Oxytocin frei und fördert die Plazentageburt

• Eine Bauchmassage mit Nelkenöl

• Einen Eisbeutel auf den Bauch legen, denn der Kältereiz lässt die Gebärmutter zusammenziehen

• Die Harnblase entleeren, eine volle Blase kann die Plazentageburt verhindern!

Akupunktur beidseits des Bauchnabels

Atonie

In den ersten Stunden nach der Geburt wird eure Hebamme häufig durch die Bauchdecke eure Gebärmutter kontollieren. Sie sollte als harter Klumpen auf Höhe eures Bauchnabels oder tiefer zu tasten sein.

Dann funktioniert die körpereigene Blutstillung.

Selten lässt die Muskulatur der Gebärmutter plötzlich los; die kleinen Muskelknoten um die offenen Blutgefässe lockern sich und das Blut fängt wieder stark an zu fliessen.

Das nennt man eine Atonie, der fehlende Tonus der Gebärmutter.

Therapie

Wir haben dann eine Vielzahl an Medikamenten und Massnahmen, die wir machen, um die Blutung schnell zu stoppen. Je stärker es blutet, desto mehr Personal wird kommen, um schneller diese ganzen Massnahmen zu treffen.

Die allerletzte Massnahme wäre eine operative Entfernung der Gebärmutter. Aber das habe ich in 12 Jahren Hebammentätigkeit erst wenige Male erlebt

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