Männer

EIN PAAR WORTE AN EUCH…

 

Liebe Männer!

Ich gebe als Hebamme seit Jahren Geburtsvorbereitungskurse für Paare, und ich arbeite seit über 10 Jahren in der Geburtshilfe im Spital.

Ich kann eine grosse Lobeshymne auf euch Männer singen!

WERDEN MÄNNER WÄHREND DER GEBURT OFT OHNMÄCHTIG UND STEHEN IM WEG RUM?

Zum ersten Teil der Frage: Nein! Obwohl jeder Hebamme sicherlich ein paar solcher Geschichten einfallen. Aber das ist extrem selten.

Zum zweiten Teil der Frage: Ja! Aber das macht nichts! Wir sind sehr froh, dass ihr da seid und schieben euch schon dahin, wo es gut ist!

Ich erlebe euch Männer sowohl in Kursen als auch live im Geschehen als aufmerksame, interessierte Partner, die mitdenken, Fragen stellen, unerschrocken auch intime Themen angehen und im guten Sinne neugierig sind. Die ihren Frauen als Freund zur Seite stehen, helfen wollen, geduldig und empathisch sind, ihre Bedürfnisse in den Hintergrund stellen und mutig zu ihrer Unsicherheit in dieser Zeit stehen.

Es ist berührend zu sehen, wie Männer ihren neugeborenen Kindern häufig ein wenig hilflos, aber voller Freude, Zärtlichkeit und Liebe begegnen.

Wir in den Spitälern sind sehr froh, dass Ihr Männer eure Frauen begleitet! Ihr seid sehr willkommen.

Ich möchte Euch hier ein paar Tipps geben und einige Fragen selber stellen und beantworten, damit ihr Euch besser vorbereitet fühlt.


WIE KÖNNT IHR EUREN FRAUEN BEI DER GEBURT HELFEN?

Hier einige konkrete Tipps, was euer Job bei der Geburt sein kann.

Kreuzbein während der 1 minütigen Wehe massieren. Entweder als kräftiger, statischer Druck mit der flachen Hand oder aber kräftige kreisende Bewegungen. Viele Frauen wollen nur während der Wehe massiert werden, nicht aber in der Pause.

• Bietet Eurer Frau immer mal wieder etwas zu trinken oder zu essen an. Die verstärkte Atmung macht durstig. Frauen dürfen während der Geburt essen und trinken. Jedenfalls so lange, wie man von einer normalen Geburt ausgeht. Falls die Geburt irgendwann durch einen Kaiserschnitt beendet wird, muss die Frau ab dem Moment der Entscheidung nüchtern bleiben.

• Da viele Frauen während der Wehen Übelkeit oder Erbrechen haben, soll Eure Frau keine schweren, fettigen Speisen, sondern leichte Kleinigkeiten essen, auf die sie Appetit hat. Salzstangen, Zwieback, Yoghurt oder Obst sind gut. Am besten nehmt ihr einige Snacks mit. Bei uns im Spital bekommen Männer übrigens drei Mahlzeiten und Getränke gratis.

• Solange Ihr noch mögt, könnt ihr gemeinsam noch ausserhalb des Gebärzimmers spazieren gehen.

• Motiviert Eure Frau ca. 1 Mal pro Stunde auf das WC zu gehen. Eine volle Harnblase ist schmerzhaft und ausserdem nimmt es dem Baby den dringend benötigten Platz weg.

• Motiviert Eure Frau, gelegentlich eine andere Position einzunehmen. Aufrechte Positionen, stehen, laufen, aber auch auf dem Gymnastikball sitzend, im Vierfüsslerstand im Bett oder auf einer Gymnastikmatte, fördern den Geburtsverlauf.

Lasst euch das Gebärbett erklären. Die Betten haben viele Funktionen und sind leicht und gut verstellbar. Es ist wichtig, dass Eure Frau es bequem hat. Bittet um noch mehr Kissen oder Decken, falls benötigt.

• Wenn Eure Frau nur noch im Bett liegen mag, motiviert sie, sich alle halbe Stunde von der rechten zur linken Seite zu drehen. So wirken die Wehen immer anders auf das Baby. Auch das hilft dem Baby, besser durch das Becken zu kommen.

• Wenn Eure Frau mag , soll sie in jeder Position immer mal mit dem Becken kreisende oder kippende Bewegungen machen. Ein runder Rücken ist dabei die bessere Bewegung als ein Hohlkreuz.

• Erinnert Eure Frau an die Atmung. Sie soll durch die Nase ein- und durch den Mund ausatmen. Der Rhythmus soll ruhig und gleichmässig sein. Sie soll die ganze Luft ausatmen ehe sie erneut einatmet. Das hilft, eine Hyperventilation zu vermeiden. Da das während der Wehen nicht so einfach ist, hilft es vielen Frauen, wenn sie z.B. auf „schsch“ , „ffff“ ausatmen oder auch kräftige Laute wie „aaaa“ oder „ooooo“ während der Ausatmung tönen. Eure Hebamme wird Euch da helfen. Aber vielleicht braucht Eure Frau jemanden, der mit ihr atmet, damit sie den Rhythmus nicht verliert. Einige Paare erfinden auch eigene Atemhilfen. Manchmal sagen die Männer die Zeit an, um den Beginn, den Verlauf oder das baldige Ende der Wehen anzukündigen.

• Kümmert Euch um Musik. Nehmt eine Auswahl an Musik mit. Musik hilft, dass Ihr beide Euch wohler fühlt.

• Neben Musik ist auch angenehmes Licht, ein guter Duft im Zimmer und eine warme Atmosphäre wichtig, dass Eure Frau sich geborgen fühlt und sich gut aufs Gebären einlassen kann. Falls Eure Hebamme das nicht automatisch so einrichtet, bittet darum oder macht das selber.

• Vielleicht hilft eurer Frau eine warme Wärmflasche im Kreuzbein. Wenn eure Frau sich viel bewegt, kann man die Wärmflasche mit den CTG Gurten am Rücken fixieren.

• Fragt Eure Frau, ob sie zur Entspannung ein warmes Bad nehmen oder duschen will. Manchmal würde es Frauen so gut tun, aber vor Müdigkeit kommt ihnen alles zu anstrengend vor. Dann hilft es manchmal, sie „zu ihrem Glück zu zwingen“.

• Während Wärme am Rücken angenehm ist, ist Kälte am Oberkörper hilfreich. Ein Eisbeutel für den Kopf, Stirn oder die Brust ist angenehm und in jedem Gebärsaal vorhanden.

• Ein kalter, nasser Waschlappen ist im Nacken oder auf der Stirn gut.

• Einen frischen Luftzug mögen Frauen auch häufig. Frauen wünschen sich dann, dass Männer ihnen Luft zufächeln. Nachdem ich mal ein Paar mit einem Fächer bei der Geburt erlebt habe, gebe ich den Tip gerne weiter, falls vorhanden einen Fächer mit zur Geburt zu nehmen.

• Versucht, trotz Eurer Nervosität, Ruhe und eine positive Ausstrahlung zu bewahren. Freut euch! Es ist eine Geburt! Es passiert niemandem etwas Schlimmes. Im Gegenteil!

Lobt Eure Frau. Auch wenn man das als Frau durchschaut, hilft Lob und tut ungemein gut.

Lobt Eure Frau noch mehr, wenn sie ihre grosse Krise hat. Die haben die meisten Frauen, wenn der Muttermund fast ganz auf ist. Dann braucht sie sehr viel Lob und Unterstützung. Egal, ob sie sich dann für eine PDA oder eine andere Möglichkeit entscheidet. Mehr dazu hier.

• Frauen haben ein grosses Bedürfnis, sich während des Wehenschmerzes festzuhalten. Und Ihr seid der beste Halt für Eure Frau. Haltet Eurer Frau die Hand. Umgekehrt werden wenige Frauen während der Geburt gerne festgehalten. Sie wird euch zeigen, ob sie gerne umarmt wird oder nicht.

• Wenn Eure Frau die Wehen stehend oder laufend verarbeitet, dann hilft es ihr ebenfalls, wenn sie sich während der Wehe festhalten und abstützen kann. Wenn sie Halt findet. Sie kann sich bei Euch abstützen. Eine gute Möglichkeit ist auch, das Gebärbett mittels Fernbedienung in eine hohe Position zu bringen, so dass sich die Frau nicht tief bücken muss. Leicht nach vorn geneigte Positionen sind gut und fördern das Tiefertreten des Babys durch das Becken.

• Beachtet das CTG Gerät so wenig wie möglich. Der Wehenschmerz ist nicht mit dem Gerät messbar. Das sieht auf dem Gerät zwar so aus, ist aber nicht so. Eine Wehe, die auf der Skala nur mit 30 angezeigt wird, kann viel schmerzhafter sein, als eine Wehe, die bis 100 reicht! Der Wehenschreiber ist im Unterschied zur Aufzeichnung der kindlichen Herztöne sehr ungenau und abhängig von der Position der Frau, der Position des Sensors auf dem Bauch, der Festigkeit der Gurte etc…


WIE OFT UND WIE LANGE BIN ICH MIT MEINER FRAU IM GEBÄRZIMMER ALLEIN?

Ihr werdet als Paar von einer Hebamme betreut werden. Eure Hebamme hilft Euch, Euch im Gebärzimmer einzurichten und einen guten Umgang mit den Wehen zu finden. Es ist die Aufgabe von uns Hebammen, den Frauen bei der Atmung zu helfen, sie zu Positionenwechsel zu motivieren, ihnen eine Wärmflasche zu machen, die Hand zu halten, zu massieren und auf die oben beschriebene Weise zu unterstützen.

Aber als Hebamme im Spital betreut man manchmal mehr als nur eine Geburt. Deshalb seid Ihr als Paar immer auch mal eine Weile alleine. Das kann mal eine Viertel- oder auch eine Dreiviertel-Stunde sein. Dann kommt die Hebamme wieder und ist eine Weile bei Euch, hilft bei der Atmung, Massage, gibt Tipps, macht Vorschläge, führt die nötigen Untersuchungen aus…

Wenn man als Hebamme das Gefühl hat, dass das Paar wieder für eine Weile gut alleine klar kommt, geht man wieder.

Am Anfang der Geburt brauchen Paare weniger oft und lange Hilfe als im weiteren Verlauf. In der Austreibungsphase ist man als Hebamme fast nonstop im Zimmer. In der Pressphase sowieso. Und in der Phase der Plazentageburt geht man auch nie aus dem Zimmer.

Ihr habt immer die Möglichkeit, zu klingeln, wenn ihr mehr Betreuung braucht.

Manchmal kann man als Hebamme nicht so lange bei einem Paar bleiben, wie man möchte. Das bedauern wir sehr. Die Kürzung im Gesundheitswesen und der Stellenabbau mag betriebswirtschaftlich sinnvoll sein. Menschlich ist es das nicht. Und in der Geburtshilfe ist es wie in der Altenpflege, der Palliativmedizin, der Krankenpflege oder der Betreuung von Kindern belastend für das Personal, zu spüren, dass man nicht genügend Zeit hat. Dieser Umstand ist im übrigen für uns als Personal viel schwieriger auszuhalten, als die gelegentlich medizinisch belastenden Situationen.

Aber das sind politische Fragen. Und die sollen hier nicht weiter behandelt werden. Es geht ja um Euch Männer!


GIBT ES DINGE, DIE MAN(N) BEI DER GEBURT VIELLEICHT NICHT SEHEN WILL?

Diese Frage solltet ihr Euch aufrichtig stellen und vielleicht auch mit Eurer Frau besprechen. Nur, weil Ihr als Männer bei der Geburt dabei seid, müsst ihr ja nicht in jeder Sekunde immer im Raum sein.

Ihr habt immer die Möglichkeit, aus dem Zimmer zu gehen. Nehmt euch Pausen, geht an die frische Luft, ruft eine vertraute Person an. Oder raucht heimlich eine Zigarette.

Vielleicht ist es irritierend für Euch, wenn wir Eure Frau vaginal untersuchen, einen Einlauf machen, die Blase katheterisieren oder die PDA im Rücken gelegt wird.

Ich erlebe viele Männer, die stoisch bei allem dabei sind, und es scheint gut für sie zu sein.

Andere Männer gehen bei diesen Situationen kurz raus oder widmen sich einer Zeitung o.ä.

Jüdisch-orthodoxe Männer wollen aus religiösen Gründen kein Blut sehen und sind sehr geschickt im Vermeiden solcher Situationen. Trotzdem kommen sie immer mit zur Geburt.

Apropos Juden: Bei den Juden, die bei uns recht häufig gebären, ist es Tradition, dass neben dem Mann immer auch eine Doula mit zur Geburt kommt. Der Mann ist für die moralische Unterstüzung zuständig und betet sehr viel. Die Doula ist eine erfahrene Frau und ist für alles praktische, körperliche und tatkräftige verantwortlich. Das funktioniert auch ganz gut!

Mehr zu →Doulas.

Irgendwann kommt der Moment der Geburt. Es ist ein wahnsinniges „Naturschauspiel“, wenn die Schamlippen sich zum ersten Mal von alleine öffnen und das Köpfchen sichtbar wird. Wenn dann der Kopf nach und nach geboren wird und schliesslich aus der Scheide guckt.

Als Hebamme liebe ich das! Aber Ihr?

Es gibt Männer, die vor Begeisterung überwältigt sind und andere, die mit diesen Bildern überfordert sind. Ich weiss nicht, wie hoch der Anteil der Männer ist, die damit Mühe haben und denen das vielleicht auch Probleme mit der Sexualität macht. Es sind sicher wenige, aber es gibt sie bestimmt.

Manchmal äussern auch Frauen in meinen Kursen die Sorge, dass der Mann sie nach der Geburt sexuell weniger attraktiv findet.

Nach der Geburt untersuchen wir, ob es eine Verletzung der Scheide oder des Damms gegeben hat. Allenfalls wird das sofort versorgt. Als Mann die Wunderversorgung von Geburtsverletzungen im Detail zu verfolgen ist etwas, was ich Euch nicht unbedingt empfehlen würde.

Bleibt mit Eurer Aufmerksamkeit lieber bei Eurer Frau und dem Baby!

Aber auch da gibt es einige Männer, die ganz unerschrocken und interessiert zuschauen…

Furchtbar spannend und gar nicht eklig, wie Männer sich das vielleicht vorstellen, ist die Plazenta. Wir untersuchen die Plazenta nach jeder Geburt ganz genau auf ihre Vollständigkeit.

Gerne erklären wir Euch Aufbau und Funktion der Plazenta, des Mutterkuchens. So unscheinbar die Plazenta aussieht, so gross ist ihre Leistung während der Schwangerschaft gewesen.

Sprecht vor der Geburt über eure individuellen Grenzen!


WER DURCHTRENNT DIE NABELSCHNUR?

Nach der Geburt wird das Baby abgenabelt. Die Verbindung zwischen Mutter und Kind wird damit durchtrennt. Ab dem Moment ist das Kind körperlich selbstständig. Ein grosser symbolischer Moment.

Wir setzen 4 Klemmen an der Nabelschnur. Zwei nahe am Baby, die anderen zwei Klemmen ein Stück entfernt. Aus dem Stück der Nabelschnur machen wir dann die Blutgasanalyse.

Dann fragen wir Euch, ob Ihr mit einer speziellen Schere die Nabelschnur durchtrennen wollt. Das tut dem Baby nicht weh. Wie Haare und Fingernägel hat die Nabelschnur keine Nerven.

Wenn Ihr Väter wollt, dürft Ihr diese Aufgabe übernehmen, ansonsten fragen wir die Mutter. Möchte sie auch nicht, dann nabeln wir Euer Kind ab.


SIND FRAUEN OFT 'ZICKIG' BEI DER GEBURT?

Wenn, dann nur kurz!!

Viele Frauen in meinen Geburtsvorbereitungskursen befürchten, dass ihre schlechteste Seite durch die Geburt zutage tritt und sie zu wilden Furien werden.

Deshalb will ich hier dazu kurz etwas schreiben.

Tatsache ist, dass viele Frauen während der Geburt sehr klar und mit wenig Worten vermitteln, was ihnen gut tut und was nicht. Aber „zickig“ erlebe ich die wenigsten Frauen.

Und keine Frau ist für die Dauer einer 12-Stunden-Geburt „zickig“. Die allermeisten Frauen sind sehr empfänglich und dankbar für alles, was man ihnen Gutes tut. Häufig sind Frauen sehr liebesbedürftig während der Geburt. Andere müssen sich aber sehr in sich zurückziehen, um die Wehen zu veratmen.


WO IST FÜR EUCH MÄNNER DER BESTE PLATZ BEI DER GEBURT?

Eure Frau kann wählen, wo sie gebären möchte. Die meisten Frauen entscheiden sich für das Bett.

Im Bett
Auf der rechten Seite steht dann unten am Bett die Hebamme, auf der linken Seite unten die Ärztin/der Arzt. Im Bett kann eure Frau auf der Seite liegend, sitzend oder halb sitzend, im Vierfüsslerstand oder in der Hocke gebären.
Als Mann ist dann für Euch der beste Platz oben neben dem Kopfteil Eurer Frau.

In der Badewanne
Wenn Eure Frau in der Badewanne gebärt, dann steht die Hebamme ausserhalb der Wanne ebenfalls rechts unten, um das Baby entwickeln zu helfen und es aus dem Wasser zu heben.
Ihr Männer sitzt dann neben der Wanne, meistens am Kopfende.

Auf der Matte
Meine persönlichen Lieblingsgebärpostitionen sind auf der Matte. In jeden Gebärsaal kann man grosse, weiche Gymnastikmatten legen.
Der Mann kann dann z.B. auf einem Stuhl sitzen. Die Frau sitzt vor ihm zwischen seinen Beinen auf einem Gebärhocker. Die Hebamme und die Ärztin sitzen vor dem Paar auf dem Boden.
In der Position seid Ihr als Paar ganz nah und intim, trotzdem sieht man als Mann nicht jedes Detail.

Eine andere Postion, die ich fast noch toller finde, ist, wenn der Mann auf dem Stuhl sitzt und die Frau im Vierfüsslerstand auf der Matte kniet. Sie kann sich bei ihm auf dem Schoß abstüzen. Die haben Blickkontakt und sind sehr nah. Das Baby wird geboren und „landet“ zwischen seinen Eltern. Das ist wunderschön!

Probiert schon während der Eröffnungsphase verschiedene Postionen aus! Ihr könnt aber auch in der Pressphase noch die Postion wechseln.