Mögliche Komplikationen bei der Geburt

Dieses Kapitel soll dazu beitragen, dass ihr euch in Situationen besser vorbereitet fühlt, wenn nicht alles so rund läuft. Ich hoffe, es reduziert Eure Angst und steigert sie nicht noch!

In der Schweiz haben wir eine Kaiserschnittrate von ca. 35 %.

Davon sind ca. 40 % geplant, der Rest entsteht aus dem Geburtsverlauf. Ihr solltet Euch also vor der Geburt damit befassen, dass Eure Geburt am Ende auch mit einem Kaiserschnitt oder einer Saugglocke beendet wird.

Äusserst selten bezeichnen wir als Personal so einen Kaiserschnitt als Notfall. In der Wahrnehmung von werdenden Eltern, die sich immer in einer Ausnahmesituation befinden, fühlt sich das ganz anders an.

WAS SIND DIE HÄUFIGSTEN KOMPLIKATIONEN BEI DER GEBURT?

Die häufigsten Kompliklationen sind:

Auffällige kindliche Herztöne, ein sog. suspektes oder pathologisches CTG oder

• Eine sehr verzögerte Geburt, bis hin zu einem Geburtsstillstand

Mütterliche Blutungen nach der Geburt des Babys


WAS IST EIN 'SUSPEKTES ODER PATHOLOGISCHES CTG'?

Das CTG ist die einzige Methode, die uns während der Geburt Aufschluss gibt, wie es dem Baby während der Wehen geht. Diese Methode ist ein grosser Segen, aber auch ein Fluch. Denn sie gibt manchmal uneindeutige Signale.

Es ist sehr leicht und eindeutig zu sehen, wenn es dem Baby gut geht. Das bezeichnen wir als physiologisch. Es ist ganz toll zu gebären, und man weiss, dass es dem Baby gut geht. Das schafft eine wunderbar entspannte Athmosphäre, in der alle Aufmerksamkeit bei der gebärenden Frau ist.

Es ist auch leicht und eindeutig zu sehen, wenn die Herztöne anzeigen, dass ein Kind akuten Stress hat. Das heisst aber noch nicht, dass es dem Kind aktuell dann auch schlecht geht. Kinder haben eine erstaunliche Fähigkeit, Situationen mit knapper Versorgung zu überbrücken. Zeigen aber die Herztöne über mehrere Minuten einen Puls von 60 Schlägen pro Minute an (das entspricht unerer erwachsenen Herzfrequenz), dann muss man die Geburt schnell beenden, weil ein Baby mit dieser langsamen Herzfrequenz nur eine kurze Zeit überbrücken kann.

Eine Herzfrequenz von z.B. 60 oder 80 spm über eine längere Zeit, oder ein häufiger Herztonabfall bezeichnen wir als pathologisch.

Suspekte Herztöne sind der grosse uneindeutige Graubereich. Suspekt meint dann, dass man die Herztöne gut überwachen muss, weil das Kind zum Beispiel immer wieder mal eine kurze Verlangsamung seiner Herzfrequenz hat. Man weiss aus Studien, dass das CTG sehr häufig eine Stresssituation des Kindes anzeigt, die sich aber nicht bestätigt, wenn man das Kind zum Beispiel mit einem Kaiserschnitt holt. Die Rate an sogenannten „falsch positiven CTG-Befunden“ ist recht hoch. Im Zweifelsfall muss man aber eher früher als später aus Rücksicht auf das Baby die Geburt entweder verlangsamen, beschleunigen oder beenden.

Das CTG ist neben seiner guten Wirkung auf die Geburtshilfe auch dafür verantwortlich, dass sicher viele Kaiserschnitte gemacht werden, die sich im Nachhinein als nicht unbedingt nötig erweisen.

Was können Gründe sein, warum die Herztöne des Babys abfallen und was macht man dann?

Vielleicht liegt das Baby plötzlich auf seiner eigenen Nabelschnur, die dadurch komprimiert wird. Deshalb bitten wir euch Frauen, die Position zu wechseln. Oft sind dann schon die Herztöne wieder besser.

Auch eine Nabelschnurumschlingung um den Hals kann ein Problem sein. Muss aber nicht. 

Vielleicht liegt der Grund aber auch innerhalb der Plazenta, eine sogenannte Plazentainsuffizienz, so dass die Plazenta unter der Belastung der Geburt nicht mehr optimal funktioniert.

Wichtig!

Auffällige Herztöne sagen immer nur etwas aus über die aktuelle Situation der Versorgung im Moment der Geburt aus. Es bedeutet nicht, dass euer Kind einen Herzfehler oder irgendein anderes Problem mit dem Herzen hat! Nach der Geburt eines Babys ist die Herzfrequenz so gut wie nie ein Problem!

Massnahmen bei auffälligen kindlichen Herztönen

Häufig gibt man 2 ml von einem wehenhemmenden Medikament, Gynipral. Das schwächt oder stoppt die Wehen für kurze Zeit. Dadurch wird die Durchblutung zur Plazenta wieder besser und das Baby kann sich erholen. Als Nebenwirkung macht das Medikament leider bei euch Frauen Herzklopfen und eine Zittrigkeit, die unangenehm, aber nur kurzfristig ist.

Manchmal machen wir die sogenannte Trendelenburglagerung. Da stellen wir das Bett für paar Minuten schräg, so dass euer Kopf tiefer als die Beine liegt. Dadurch fliesst viel Blut aus den Beinen in den Körper und auch das hilft, die Versorgung des Babys zu verbessern.

Eine andere Möglichkeit ist, das Baby bei einer vaginalen Untersuchung wieder ein bisschen höher ins Becken zurückzuschieben. Es rutscht schnell wieder tiefer, aber es lohnt, dem Baby verschiedene Möglichkeiten zu geben, sich zu erholen.

So ziemlich jedes Kind reagiert irgendwann bei einer Geburt mit seinen Herztönen! Und das kann ein gesundes Kind auch ab. Und ein gewisser Geburtsstress bereitet die Kinder auf die Kreislaufumstellung nach der Geburt vor. Kinder nach einem Kaiserschnitt ohne Wehentätigkeit haben viel häufiger Probleme mit der Atmung als Kinder nach einer normalen Geburt. Da dürft Ihr Eurem Kind vertrauen und ihm auch etwas zutrauen!

Es geht darum, zu erkennen, wann der Geburtsstress die Reserven des Kindes angreift.

Und wir beenden heute eher früher als später die Geburten.

WANN MACHT MAN EINE SAUGGLOCKE UND WIE LÄUFT DAS AB?

Gründe für eine Saugglocke sind:

• Die Herztöne des Babys

• Ein Geburtsstillstand

Pressunvermögen der Mutter durch z.B. eine PDA 

Die Bedingungen für die Geburtsbeendigung mit einem Saugglocke, auch Vakuum-Extraktion genannt, sind:

• der Muttermund muss vollständig auf 10 cm eröffnet und

• der Kopf muss tief im Becken sein

Wenn das erfüllt ist, macht man immer eine Saugglocke anstelle eines Kaiserschnitts. Es geht schneller als der Kaiserschnitt und hat weniger Risiken.

Durchführung:

Das Gebärbett wird umgebaut, so dass es ähnlich aussieht, wie ein gynäkologischer Stuhl. Das gibt der Ärztin/dem Arzt mehr Bewegungsfreiheit.

In der Wehenpause wird die sogenannte Glocke in die Scheide eingeführt und dem Baby auf das Köpfchen gelegt. Es wird ein Vakuum aufgebaut, so dass die Glocke am Kopf hält.

Während der nächsten Wehe muss die Frau kräftig schieben/pressen. Wie bei einer normalen Geburt. Zeitgleich zieht die Ärztin/der Arzt an der Glocke. Durch den Druck von oben und dem Zug von unten wird die Geburt meistens mit 1-3, selten mehr als 5 Wehen beendet.

Nachdem das Köpfchen geboren ist, wird die Glocke entfernt. Das Köpfchen ist wie bei jeder Geburt stark verformt und hat zusätzlich den Negativabdruck der Glocke auf dem Kopf. Das sieht sehr merkwürdig für euch Eltern aus. Nicht erschrecken! Schon nach einer halben Stunde hat sich der Wulst auf dem Köpfchen geglättet.

Komplikationen

Komplikationen sind sehr selten im Vergleich zum 18. Jahrhundert, wo diese Methode entwickelt wurde. Dort hat man Kinder vom Beckeneingang durch das ganze Becken, mit Dutzenden Zügen an der Glocke entbunden, da der Kaiserschnitt nocht keine Routinelösung wie heute war. Hirnblutungen und Schädelfrakturen wie damals beschrieben habe ich noch nie erlebt oder davon gehört.

Inzwischen schneidet man auch nicht mehr routinemässig einen Dammschnitt.

Was macht man als Mann bei einer Saugglockengeburt?

Euer Platz ist weiterhin an der Seite Eurer Frau. Am besten neben dem Kopfteil des Bettes. Das Personal wird Euch sagen, wo ein guter Platz für Euch ist, wo Ihr nicht im Weg seid und Eure Frau untertützen könnt. Für Euch ist die Situation sicherlich verwirrend. Gelegentlich ist erst im nachhinein Zeit für Erklärungen.

Es wird mehr Personal im Zimmer sein. Bei einer normalen Geburt sind eine Hebamme und eine Ärztin oder ein Arzt anwesend. Bei einer Saugglocke sind es fast immer 2 Ärzte und oft auch 2 Hebammen.

Dazu kommt, dass das Bett umgebaut wird und mehr Material für die Geburt benötigt wird.

Wenn Euch die Situation überfordert, könnt Ihr auch vor der Tür warten!

Was ist eine Zangengeburt?

Die Zange ist ein anderes geburtshilfiches Instrument, was ebenfalls im 18. Jahrhundert entwickelt worden ist. Bei Einsatz der Zange werden 2 Metalllöffel in die Scheide eingeführt, die das Köpchen umfassen. Die Ärztin/der Arzt zieht wehensynchron, während die Frau zeitgleich mit presst.

Die Zange kommt immer weniger zum Einsatz, weil das Risiko von Verletzung bei Mutter und Kind höher ist. Bei uns im Spital wird die Zange gar nicht mehr benutzt und die Ärzte lernen den Umgang auch nicht mehr. In der Westschweiz dagegen hat die Zange noch eine etwas grössere Bedeutung.


KAISERSCHNITT/SECTIO

Wenn die Bedingungen für eine Geburtsbeendigung durch die Saugglocke oder die Zange nicht erfüllt sind, bleibt nur die Möglichkeit einen Kaiserschnitt zu machen.

Je nach geburtshilflicher Situation läuft dieser etwas unterschiedlich ab. Ich skizziere hier die gängigen Situationen.

ZÜGIGER KAISERSCHNITT IN TEILNARKOSE, SECTIO STUFE 2

Nehmen wir das Beispiel, dass die Herztöne des Babys so sind, dass wir befürchten, dass das Baby zunehmend gestresst von der Geburt ist. Wir wollen die Geburt deshalb zügig beenden. Ein Notfallkaiserschnitt ist aber nicht nötig.

Eine Saugglocke ist nicht möglich, da der Muttermund erst 8 cm geöffnet ist.

Bei uns im Spital, beschliesst eine Oberärztin/ ein Oberarzt dann einen Kaiserschnitt der Stufe 2. Ein grosser Teil der Kaiserschnitte, die aus dem Geburtsverlauf heraus entstehen, sind Stufe 2 Kaiserschnitte.

Das ist bei uns so definiert, dass die Operation

• in Teilnarkose stattfindet. Entweder in PDA, falls bereits vorhanden oder es wird eine Spinalanästhesie gelegt.

• die Operation in 30 Minuten beginnt

• der Mann oder eine andere Begleitperson zur Unterstützung der Frau mit in den OP darf

Die Vorbereitung im Gebärsaal läuft folgendermassen ab:

• Die Hebamme hilft der Frau ein OP-Nachthemd und Antithrombosestrümpfe anzuziehen.

• Es wird eine Infusion angehängt, die den Kreislauf mit Flüssigkeit unterstützen soll.

• Das CTG wird bis kurz vor Beginn der Operation kontinuierlich weiter kontrolliert.

• Die Frau bekommt ein magensäurehemmendes Medikament, für den Fall, dass es spontan doch eine Vollnarkose geben sollte. Dieses Medikament wird getrunken. Ansonsten darf vor der OP nichts mehr gegessen und getrunken werden.

Schmuck und Piercings sollten nach Möglichkeit abgenommen werden.

Die Gynäkologen klären über die Operationstechnik und mögliche Risiken auf. 

Die Risiken sind:

Umliegende Organe wie Blase, Harnröhre und Harnleiter und Darm können verletzt werden.

• Der Blutverlust ist bei einem Kaiserschnitt erhöht.

• Infektionen.

Wundheilungsstörungen und Thrombosen sind selten, aber gegenüber einer normalen Geburt erhöht.

• Eine nachfolgende Geburt ist auf normalem Weg möglich, aber aufgrund der Narbe mit leicht erhöhtem Risiko

• Sehr selten kann es zu Schnittverletzungen des Babys kommen

• Die Babys haben nach einem Kaiserschnitt häufiger Mühe mit der Atmung als nach einer normalen Geburt. Dieses Risiko kann man aber vernachlässigen. Schliesslich ist ja die Indikation für den Kaiserschnitt, dass man annimmt, das eine normale Geburt das Baby mehr stressen würde als der Kaiserschnitt. 

Die Anästhesisten erklären ihre Narkose, für die sie sich entschieden haben und klären über diese Risiken auf. 

Durchführung Kaiserschnitt

Wir bringen die Frau dann in den OP Saal. Der OP Tisch wird in leicht linker Seitenlage gelagert, weil einige Frauen nicht gerne auf dem Rücken liegen, weil sie dort ein VENA CAVA SYNDROM bekommen.

Wenn die Frau eine gut funktionierende PDA hat, kann die zur Operation genutzt werden. Ansonsten wird eine Spinalanästhesie gelegt. [eine Spinalanästhesie wird ähnlich wie eine PDA gelegt. Es wird auf gleicher Höhe der Lendenwirbelsäule gestochen. Die Frau muss ebenfalls einen runden Rücken machen, damit sich die Dornfortsätze der Wirbel öffnen.

Im Unterschied zur PDA wird eine sehr feine, dünne Nadel benutzt. Die Nadel geht zunächst auch in den Periduralraum, den man bei der PDA punktiert. Dann schieben die Anästhesisten die Nadel aber noch ein bisschen weiter. Sie überwinden die Dura mater, die harte Hirnhaut, wo sie dann das Schmerzmittel injizieren. Die Nadel wird entfernt. Es bleibt kein Katheter im Rücken wie bei der PDA, deshalb ist die Nadel auch so dünn.

Die Beine werden rasch komplett unbeweglich. Berührungen werden während der OP immer noch wahrgenommen, Schmerz jedoch nicht. Die Wirkung lässt nach der OP zumeist innerhalb der nächsten 3 Stunden nach.

Im OP wird ein Dauerkatheter in die Harnblase gelegt. Das ist wichtig, damit die Blase während der OP leer ist und sich nicht in das OP-Feld drängt. Der Blasenkatheter wird in aller Regel nach der ersten Nacht entfernt.

Die Schamhaare werden rasiert, da der Schnitt direkt in der Schamhaargrenze durchgeführt wird.

Die Haut auf dem Bauch und dem OP-Gebiet wird desinfiziert, damit keine Keime in die Wunde gelangen können.

Dann wird der Körper mit sterilen Tüchern abgedeckt. Nur das OP-Feld bleibt frei.

Ein grosses Tuch wird vor der Brust wie ein Vorhang gespannt, so dass weder die Frau noch der Mann die Operateure und die Operation sehen kann. 

Was macht der Mann bei einer Sectio?

Der Mann ist, während seine Frau im OP vorbereitet wird, im Gebärsaal. Es dauert ca. 20-25 Minuten, bis er abgeholt wird. In der Zeit kann er sich in Ruhe die OP-Kleider, Hose, Oberteil, Schuhe, Haube und Mundschutz anziehen.

Wenn alles im OP parat ist, wird der Mann dazu geholt. Er kann am Kopfende neben seiner Frau sitzen.

Nach der Geburt des Babys kann der Mann entweder weiter bei seiner Frau bleiben oder mit der Hebamme mitgehen und schauen, wie es dem Kind geht. 

Dann beginnt die OP. Es wird ein 14 cm langer Schnitt in der Schamhaargrenze geschnitten. Von diesem Schnitt bis zur Entwicklung des Babys dauert es meistens nicht mehr als 2-4 Minuten. Bei einem Notfallkaiserschnitt geht es sogar noch schneller.

Die Haut und das drunter liegende Fettgewebe werden geschnitten. Die Bauchmuskeln werden nicht durchtrennt, sondern in der Mitte auseinandergeschoben. Dann sieht man schon die grosse Gebärmutter unter dem Bauchfell. Die Gebärmuttermuskulatur wird mit dem Skalpell eröffnet. Das Skalpell wird dabei aber so wenig wie möglich gebraucht, denn es ist für das Gewebe schonender, wenn es mehr gedehnt und gerissen wird. So werden weniger Nerven und Blutgefässe verletzt. Die Heilung verläuft besser, komplikationsärmer und mit weniger Schmerzen.

Durch den Schnitt sieht man dann die Fruchtblase, durch die das Fruchtwasser und das Baby sichtbar sind. Die Fruchtblase wird ebenfalls eröffnet, das Fruchtwasser fliesst ab. Das Kind wird mit der Hand am Kopf gefasst und durch den Schnitt in der Gebärmutter geholt. Gelegentlich muss der Kopf mit einer Saugglocke aus dem Schnitt geboren werden, bevor man das Baby dann komplett entwickeln kann. Die Frau kann und muss nicht mitpressen. Die Geburt geschieht durch Zug am kindlichen Kopf und Druck auf den Bauch der assistierenden Ärztin.

Das Baby wird auf dem Bauch der Mutter abgenabelt und der Hebamme übergeben.

Je nach Situation wird das Baby erst einmal den Eltern gezeigt oder wenn es etwas Unterstützung braucht, unter eine Wärmelampe gelegt und beobachtet. Einigen Kindern muss man das Fruchtwasser absaugen, selten muss man den Kindern zusätzlich Sauerstoff geben. Um zu beschreiben, wie es dem Baby geht, erheben wir Hebammen wie nach einer normalen Geburt den Apgar Test.

[Apgar Score, nach der US-amerikanischen Anästhesistin Virginia Apgar benannt, die diesen weltweit angewendeten Test 1952 entwickelt hat. Es werden 5 Kriterien bewertet, die beschreiben, wie es dem Kind geht. Diese Untersuchung wird nach 1 Minute, nach 5 und nach 10 Minuten durchgeführt. Es werden für jedes dieser 5 Kriterien entweder maximal 2 Punkte vergeben, bei Einschränkungen wird nur 1 Punkt und bei Nichtvorhandensein eines Merkmals 0 Punkte vergeben. So erhält jedes Kind 3 Werte. Ganz normal ist ein Apgar Wert von 8/9/10 oder 7/8/9, 9/9/9…. Fast immer zieht man Kindern direkt nach der Geburt einen Punkt für die leicht bläuliche Hautfarbe ab. Auch eine noch nicht ganz regelmässige Atmung oder ein etwas schlapper Muskeltonus sind oft Gründe, warum wir Kindern einen Punkt abziehen. In aller Regel erholen die Kinder sich sehr schnell, was sich an der steigenden Punktzahl im Apgar Test spiegelt.

Die 5 Kriterien sind: Atmung, Herzfrequenz, Muskelspannung, Reflexauslösbarkeit, Hautfarbe.

Neben dem Apgar-Wert wird aus einem Stück Nabelschnur Blut entnommen und eine Blutgasanalyse gemacht. Es wird der pH-Wert des Blutes und verschiedene Blutgase wie Sauerstoff, Kohlendioxid und der Säure-Basenhaushalt gemessen. Der pH-Wert sollte über 7,20 sein. Anhand dieser Werte kann man rückschliessen, wie ein Kind während der Geburt versorgt gewesen ist. Sind die Werte auffällig, werden sie durch eine Blutentnahme aus der Ferse des Babys im Verlauf kontrolliert, um zu sehen, dass das Kind die Werte durch seine Atmung normalisiert hat.

Meistens warten wir den 2. Apgar Wert noch ab, ehe wir das Baby dann zur Mutter in den OP bringen, wo es gut zugedeckt bis zum Ende der Geburt bleiben kann.

Der Vater kann bei der Bestimmung des Apgar Tests gerne zuschauen.

Die Plazenta wird direkt nach der Geburt des Kindes mit der Hand abgelöst und geholt.

Das Versorgen der einzelnen Schichten nach der Entwicklung des Kindes dauert ca. 30-45 Minuten. Die Frau kommt nach der OP in ein weiches Stationsbett und dann zurück in den Gebärsaal. Dort wird engmaschig der Blutdruck, Puls und die vaginale Blutung für ca. 2-4 Stunden überwacht. Das Stillen klappt „fast“ gleich gut. Es ist etwas erschwert durch die eingeschränkte Mobilität der Frau.


KAISERSCHNITT DER STUFE 3, LANGSAMER KAISERSCHNITT

Die andere grosse Gruppe an Kaiserschnitten, die aus dem Geburtsverlauf heraus entstehen, sind Stufe 3 Kaiserschnitte.

Sie verlaufen genau gleich wie der oben beschriebene Stufe 2 Kaiserschnitt.

Der einzige Unterschied ist, dass die Zeit, bis zum Start der Operation mit einer Stunde definiert ist.

Alle Vorbereitungen und Aufklärungen sind genau gleich, werden aber alle etwas langsamer und entspannt durchgeführt.

Der Partner kann genauso mit in den OP, die Narkose ist genau wie bei der Stufe 2 entweder eine PDA oder eine Spinalanästhesie.

 Gründe für den Kaiserschnitt der Stufe 3

Der Grund für den Kaiserschnitt der Stufe 3 ist eigentlich immer ein Geburtsstillstand. Es geht nicht weiter, dem Baby geht es aber gut; das CTG zeigt keine Auffälligkeiten. Deshalb ist gar keine Eile geboten.

 Ablauf des Stufe 3 Kaiserschnitts

Identisch mit dem Ablauf des Stufe 2 Kaiserschnitts. Einziger Unterschied ist die Zeitspanne von 60 Minuten zwischen Entscheidung und Entbindung (die sogenannte E-E-Zeit).

 Was ist ein Geburtsstillstand?

• Der Muttermund eröffnet sich nicht weiter (seltener!)

• Der Kopf tritt nicht tiefer in das Becken (häufiger!)

Bei vielen Geburten gibt es die Situation, dass es bei 2 vaginalen Untersuchungen im Abstand von 2 Stunden keine Veränderung gegeben hat. Das ist für die Frauen natürlich enttäuschend, weil sie das Gefühl haben, die Zeit umsonst die Wehen verarbeitet zu haben. Im Normalfall wird das aber kompensiert, dass es dann auch wieder einen Sprung im Geburtsverlauf gibt.

Bei einem Geburtstillstand bleibt der Befund über mindestens 3 Stunden immer derselbe.

 Gründe für den Geburtsstillstand

• Eine Wehenschwäche

• Eine Fehleinstellung des kindlichen Köpfchens, evtl. ein →Sternengucker

• Ein Kopf-Beckenmissverhältnis [Kopf-Beckenmissverhältnis: relativ oder absolut. Relativ: so wie das Kind sein Köpfchen hält, passt es nicht durch das Becken. Absolut: egal wie das Baby sein Köpfchen hält, es ist zu gross für das Becken.] 

Therapie des Geburtsstillstands

Je nachdem, was die Ursache des Stillstands ist, versucht man das Problem zu beheben.

Immer aber versuchen wir durch

• Änderung der Gebärpostition, durch Beckenkreisen, Beckenkippen, Vierfüssler oder stehende Positionen, das Tiefertreten des Köpfchens oder die Lageänderung des Babys zu fördern. Die Geburt ist –mechanisch betrachtet- eine Herausforderung: ein relativ grosser Kopf im Verhältnis zu einem relativ kleinen Becken. Als wollte man einen engen Ring vom Finger streifen, helfen auch bei der Geburt, drehende und kreisende Bewegungen.

• Lösen von Verspannungen durch Massagen oder Bäder, aber auch Medikamente. Manchmal empfehlen wir in so einem Fall die PDA, um durch die daraus resultierende Entspannung mehr Platz zu bekommen.

Verstärken der Wehen bei einer Wehenschwäche durch Bauchmassage, evtl. Homöopathie oder Akupunktur, als letzte Möglichkeit durch eine wehenanregende Infusion mit Oxytocin

Lässt sich der Geburtsstillstand trotz aller Bemühungen nicht überwinden, bleibt letztlich nur die operative Geburtsbeendigung.

Wenn man keine Saugglocke machen kann, weil das Köpfchen noch zu hoch im Becken oder der Muttermund noch nicht ganz geöffnet ist, bleibt nur der Kaiserschnitt der Stufe 3.

NOTFALLKAISERSCHNITT IN VOLLNARKOSE, STUFE 1

Nur in sehr seltenen Fällen ist in der Geburtshilfe ein Notfallkaiserschnitt nötig. Notfallkaiserschnitt heisst, dass z.B. das CTG eindeutig eine Situation anzeigt, in der das Baby tatsächlich gefährdet ist, wenn es nicht schnell geboren wird.

Wird schnell gehandelt, geht es den meisten Babys nach so einem Kaiserschnitt sehr gut! Die wenigsten brauchen eine intensive Betreuung in Form von Sauerstoff o.ä.!

Ein solcher Fall ist gegeben, wenn die Herztöne sich plötzlich auf zum Beispiel 70 Schläge pro Minute verlangsamen und sich nicht innerhalb von ca. 5-10 Minuten erholen.

Dann trifft eine Oberärztin/Oberarzt die Entscheidung zu einem Kaiserschnitt in Vollnarkose.

Durchführung

Es wird ein Alarm ausgelöst, der an alle benötigten Personen geht: an die Gynäkologen und alle Hebammen, die Anästhesisten, die OP-Leute und bei uns im Haus die Kinderärzte.

In kürzester Zeit sind alle da und auf ihrem Platz.

Die Frau wird schnell in den OP verlegt und auf dem OP-Tisch gelagert. Wie bei Stufe 2 und 3 wird auch ein Blasenkatheter gelegt und die Haut desinfiziert.

Alles geschieht aber so schnell wie möglich. Zeit für Erklärungen hat in dem Moment niemand. Umso wichtiger sind Gespräche zur Aufarbeitung hinterher!

Die schnellste Narkoseart ist die Vollnarkose, in der die Frau tief schläft.

Von Beginn der OP, also vom Hautschnitt bis zur Kindsentwicklung dauert es kaum mehr als eine Minute!

Das Ziel ist, die sogenannte Entscheidungs-Entbindungszeit so kurz wie möglich zu halten, damit das Baby schnellstmöglich auf der Welt ist. Je nach Spital sind diese Zeiten sehr kurz. Bei uns vergehen kaum mehr als 10-15 Minuten. Diese Zeit ist so kurz, dass ein gesundes Baby diese kritische Zeit in der Regel gesund und munter übersteht. Selten, dass ein Kind Sauerstoff braucht oder sogar reanimiert werden muss. Und extrem selten, dass ein Kind wirklich einen bleibenden Schaden aufgrund einer Sauerstoffuntervoersorgung während der Geburt davon trägt.

Fast immer gilt: Ende gut, alles gut.

In den meisten Fällen geht so eine aufregende Situation sehr friedlich aus: der Vater übernimmt das erste Kuscheln mit dem Baby, da die Frau noch im OP ist.

Das nackte Baby wird dem Vater auf die nackte Brust gelegt. Beide werden mit warmen Tüchern zugedeckt und dürfen sich nach dem turbulenten Start erholen.

Die Frau kommt nach dem Ende der OP in das Gebärzimmer. Es dauert meistens eine halbe Stunde, bis die Frau nach der Vollnarkose ganz wach ist und anfangen kann, das Baby zu bestaunen.

Bei einem Notfallkaiserschnitt kann der Mann nicht mit in den OP!

Gründe für einen Notfallkaiserschnitt

Ein Nofallkaiserschnitt kommt in ca. 1 % der Geburten vor. Es gibt sowohl kindliche Gründe, als auch mütterliche. Eine Ablösung der Plazenta während der Geburt kann zum Beispiel so einen Notfall auslösen.

Ich möchte gar nicht weiter auf Gründe und Ursachen eingehen.

Mir war die Beschreibung eines Notfallkaiserschnitts wichtig, um zu zeigen, wie so eine seltene Situation abläuft. Und wieso es fast immer glücklich und gut ausgeht.

Ich hoffe, es ist mir gelungen, Euch ein wenig die Angst zu nehmen!

Solltet ihr in so eine Situation geraten, dann hoffe ich, dass ihr Euch sicherer fühlt.

GEPLANTER KAISERSCHNITT

Ein geplanter Kaiserschnitt läuft im Prinzip so ab, wie bei Stufe 2 und 3 beschrieben.

Nur, dass er schon lange im voraus geplant ist.

Meistens wird der Termin 1-2 Wochen vor dem errechneten Termin geplant. Die Kinder sind dann reif, kindliche Anpassungsstörungen sind selten.

Die meisten Spitäler machen die Eintrittsuntersuchung einen Tag vorher. Dort wird dann

• eine Blutentnahme für die OP gemacht

• eine reguläre Schwangerschaftskontrolle durchgeführt

• ein Aufklärungsgespräch durch die Gynäkologen über die Operation geführt

• ein Aufklärungsgespräch durch die Anästhesisten über die Narkose geführt

• ein Gespräch mit der Hebamme über den Ablauf des Tages geführt

Bei einigen Spitälern übernachtet man bereits in der Nacht vor dem Kaiserschnitt. Bei uns tritt man erst am OP-Tag ein.

Wichtig ist, dass ihr Frauen mindestens 6 Stunden nüchtern sein müsst. Über die genauen Zeiten klären die Anästhesisten auf.

Was am Tag der OP passiert

• Bei uns kommen die Frauen vor der OP in die Gebärabteilung. Sie bekommen in einem Gebärsaal ein weiches Stationsbett.

• Die Frau zieht sich ein OP-Nachthemd und Antithrombosestrümpfe an.

• Die Hebamme kontrolliert mit dem CTG für 30 Minuten die kindlichen Herztöne

• Es wird ein venöser Zugang gelegt und eine Infusion mit Flüssigkeit angehängt 

Die Frau wird ca. 30 Minuten vor Beginn der Operation in den OP-Saal verlegt und wie bei dem Stufe 2 Kaiserschnitt beschrieben, weiter vorbereitet.

Es wird ein Spinalanästhesie im Rücken gemacht, ein Dauerkatheter in die Harnblase gelegt, der Bauch desinfiziert und abgedeckt.

Kurz vor Beginn der Operation wird der Mann dazu geholt. Er hat ca. 30 Minuten im Gebärzimmer gewartet und sich die OP-Kleider angezogen.

Die OP dauert wie bereits beschrieben ca. 45 Minuten.

Nach der OP geht die Familie zurück in das Gebärzimmer, wo die Frau stillen und kuscheln kann, bevor das Kind untersucht, gemessen, gewogen und angezogen wird.

Die Blutung aus der Gebärmutter und der Kreislauf der Frau werden in den ersten Stunden regelmässig überwacht.

Nach ca. 2-4 Stunden werden Mutter und Kind auf die Wochenbettabteilung verlegt.



BLUTUNGSKOMPLIKATIONEN

Stellt Euch vor, Ihr habt die Geburt geschafft. Das Baby ist vor einer Dreiviertelstunde auf die Welt gekommen. Es trinkt schon kräftig an der Brust. Euch tut nichts mehr weh. Die Plazenta ist noch nicht gekommen. Aber das stört Euch nicht.

Plötzlich fängt es aus der Gebärmutter an zu bluten, aber auch das tut gar nicht weh…

Warum wird die Hebamme so unruhig???

Weil das die gefährlichste Situation für Euch Frauen ist! Viel gefährlicher als alles andere vorher!

Das soll Euch auch keine Angst machen. Aber es soll ein bisschen relativieren und erklären, warum wir bei Eurem Wehenschmerz sehr entspannt bleiben. Wenn ihr aber in der Nachgeburtsphase anfangt zu bluten sind wir das nicht.

Der Wehenschmerz tut Euch nichts, aber die Blutung kann richtig gefährlich werden.

Blutungskomplikationen sind noch immer die grösste Bedrohnung für Frauen nach der Geburt.

Deshalb gratulieren wir Euch auch erst, wenn die Plazenta, der Mutterkuchen geboren ist.

Nachgeburtswehen zur Ablösung der Plazenta

Normalerweise zieht sich die Gebärmutter einige Minuten nach der Geburt des Babys zusammen. Das sind die Nachgeburtswehen. Durch diese Verkleinerung der Haftfläche der Plazenta schert diese ab. Dabei fliesst ca. 200-500 ml Blut. Die Gebärmutter macht nach der Geburt der Plazenta automatisch Nachwehen.

Die spürt man nach der Geburt des ersten Kindes eigentlich kaum. Erst beim zweiten oder weiteren Kindern werden die Nachwehen unangenehm.

Nachwehen zur Blutstillung

Durch diese permanenten Nachwehen ziehen die Muskelfasern der Gebärmuttermuskulatur die durchtrennten Blutgefässe, an denen in der Schwangerschaft die Plazenta angehaftet war, zusammen. Jedes einzelne offene Blutgefäss wird so durch die Muskulatur wie mit einem Knoten zugezogen. Zusätzlich bildet der Körper Thromben (= Blutgerinnsel) an den Enden der Blutgefässe. So wird die Blutung perfekt gestillt. In den ersten Tagen geht aus dieser Haftstelle immer noch eine Blutung ab, die stärker ist als eine Periode, aber nicht mehr.

Wenn dieser Blutstillungsmechanismus nicht funktioniert, wie in diesem Beispiel, kann der Blutverlust lebensbedrohlich werden.

Manuelle Plazentalösung

Wenn die Plazenta sich nur zu einem Teil löst und es stark blutet, muss man die Plazenta manuell lösen.

„Manuelle Plazentalösung“, bedeutet, die Plazenta tatsächlich mit der Hand von der Innenseite der Gebärmutter zu lösen.

Das geht nur, wenn die Frau eine sehr gut sitzende PDA hat, bzw. eine kurze Vollnarkose gemacht wird. Bei uns findet dieser Eingriff meistens im Gebärzimmer und nicht in einem OP statt. Der Mann geht dann mit dem Baby in ein anderes Zimmer. Der Eingriff dauert nicht länger als eine halbe Stunde. Der Blutverlust beträgt meistens mehr als einen Liter.

Zahlen rund ums Blut

Normales Blutvolumen eines Erwachsenen: 4 Liter

Blutvolumen einer Schwangeren: 5-6 Liter

Normaler Blutverust bei einer Geburt: 200-500 ml

Normaler Blutverlust bei einem Kaiserschnitt: 500-1000 ml

Lebensgefährliche Blutung ab einem Verlust von 2 Litern

Prophylaxe nach der Geburt

In den Spitälern gibt es die Weisung, allen Frauen nach der Geburt des Babys das Medikament Oxytocin zu geben, was die Nachwehen verstärkt. Dadurch löst sich die Plazenta schneller und der Blutverlust ist geringer.

Bei den allermeisten Frauen käme die Plazenta aber auch von alleine innerhalb der ersten halben Stunde bei einem normalen Blutverlust.

Aber wie gesagt, vor der Blutung hat man im Spital grossen Respekt.

Alternative Methoden

Wenn die Plazenta nicht innerhalb von 30 Minuten kommt, versuchen wir verschiedene Methoden:

• Das Baby an die Brust anzusetzen, das setzt körpereigenes Oxytocin frei und fördert die Plazentageburt

• Eine Bauchmassage mit Nelkenöl

• Einen Eisbeutel auf den Bauch legen, denn der Kältereiz lässt die Gebärmutter zusammenziehen

• Die Harnblase entleeren, eine volle Blase kann die Plazentageburt verhindern!

Akupunktur beidseits des Bauchnabels

Atonie

In den ersten Stunden nach der Geburt wird eure Hebamme häufig durch die Bauchdecke eure Gebärmutter kontollieren. Sie sollte als harter Klumpen auf Höhe eures Bauchnabels oder tiefer zu tasten sein.

Dann funktioniert die körpereigene Blutstillung.

Selten lässt die Muskulatur der Gebärmutter plötzlich los; die kleinen Muskelknoten um die offenen Blutgefässe lockern sich und das Blut fängt wieder stark an zu fliessen.

Das nennt man eine Atonie, der fehlende Tonus der Gebärmutter.

Therapie

Wir haben dann eine Vielzahl an Medikamenten und Massnahmen, die wir machen, um die Blutung schnell zu stoppen. Je stärker es blutet, desto mehr Personal wird kommen, um schneller diese ganzen Massnahmen zu treffen.

Die allerletzte Massnahme wäre eine operative Entfernung der Gebärmutter. Aber das habe ich in 12 Jahren Hebammentätigkeit erst wenige Male erlebt.


HÄUFIGE FRAGEN ZUM THEMA KOMPLIKATIONEN


IST ES SCHLIMM, WENN DAS BABY DIE NABELSCHNUR UM DEN HALS HAT?

Nein, das muss gar nicht schlimm sein. Eigentlich ist das sogar ein guter Ort, weil die Nabelschnur in der Halsbeuge gut vor Kopressionen geschützt ist.

Es wird erst ein Problem, wenn durch die Umschlingung die Nabelschnur so kurz wird, dass sie im Geburtsverlauf beim Tiefertreten des Babys ins Becken auf Zug kommt. Dann kann die Zirkulation zeitweise verschlechtert oder kurzfristig unterbrochen werden. Sollte das dem Kind Probleme machen, hat es immer eine Veränderung der Herztöne im CTG zur Folge. Das heisst wir würden das sehen und könnten je nach Situation reagieren.

KANN MAN VOR DER GEBURT SEHEN, OB DIE NABELSCHNUR UM DEN HALS IST?

Danach schaut man deshalb nicht, weil es keine Aussage zulässt, ob es während der Geburt Komplikationen bedeutet oder nicht. Oft merkt man erst nach der Geburt des Köpfchens, dass die Nabelschnur um den Hals ist. Dann wickeln wir sie ab und das Baby wird komplett geboren. Entscheidend ist das CTG. Wenn es gut ist, ist die Nabelschnur kein Problem. Ist das CTG besorgniserregend, muss man handeln. Unabhängig von der Ursache.

Meine persönliche Erfahrung

Bei meinem Sohn war auch die Nabelschnur um den Hals gewickelt. Das hat über 11 Stunden keine Beschwerden gemacht. Seine Herztöne waren immer gut. Die letzte halbe Stunde, als er schon sehr tief im Becken war, haben seine Herztöne zunehmend stärker mit sogenannten Dezelerationen (Herztonabfall) reagiert. Nach einer halben Stunden hat die Ärztin dann die Geburt mit einer Saugglocke beendet. Mein Sohn musste sich kurz ein wenig erholen, was er aber ohne weitere Hilfe und Unterstützung getan hat. Mir selber ist die Geburt in sehr schöner Erinnerung, obwohl ich mir natürlich lieber ein anderes Ende gewünscht hätte.

KANN MAN VORHER SAGEN, OB ES EINEN KAISERSCHNITT GIBT, WEIL DAS KIND ZU GROSS IST?

Nein, das kann man nicht.

Oftmals staunt man in der Geburtshilfe. Staunt, dass ein grosses 4500 Gramm schweres Kind zügig von einer kleinen Frau geboren wurde.

Und manchmal staunt man, warum ein zartes 3000 Gramm Baby nicht tiefer ins Becken getreten ist.

Es macht auch keinen Sinn bei allen Frauen vor der Geburt eine Beckenmessung mittels eines MRI zu machen. Dann erhält man zwar Werte wie gross die Beckenmasse sind. Aber das gibt nur vermeintlich Aufschluss.

Man weiss nicht, wie gut oder schlecht sich das Köpfchen durch seine offenen Schädelnähte verkleinert und sich dem Becken anpasst,

man weiss nicht, wie günstig oder ungünstig das Baby sein Köpfchen im Becken hält und ausserdem weiss man auch bei einer Ultraschallmessung nicht wirklich sicher, wie gross das Kind wirklich ist. Messungenauigkeiten sind häufig.

Gelegentlich kommen Frauen zu uns, die verunsichert sind, weil ihre Ärzte angeregt haben, über einen Kaiserschnitt nachzudenken.

Ich finde die Geburtshilfe gut, die es probiert. So machen wir es auch bei uns im Spital.

Einen Kaiserschnitt kann man immer noch machen.

Etwas anderes ist diese Beckenmessung bei einer Frau, deren vorangehende Geburt ein Kaiserschnitt war. In dem Fall macht es Sinn, die Beckenmasse zu wissen, das Schätzgewicht des Baby zu betrachten, es mit dem Gewicht des ersten Kindes zu vergleichen und sich dann die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Kaiserschnitts zu überlegen. Bei einer hohen Wahrscheinlichkeit würde man eher zu einem geplanten Kaiserschnitt raten.

BIS WANN KANN MAN EINEN KAISERSCHNITT MACHEN?

Das werde ich oft im Geburtsvorbereitungskurs gefragt. Dahinter steht die Sorge, dass man den Zeitpunkt verpassen kann.

Mann kann immer einen Kaiserschnitt machen. Theoretisch bis kurz vor Geburt des Köpfchens.

Wenn aber die Bedingungen für eine Saugglocken-Geburt gegeben sind, beendet man die Geburt lieber mit einer Saugglocke.

KANN MAN NACH EINEM KAISERSCHNITT NOCHMALS NORMAL GEBÄREN?

Früher lautete die Regel: „Einmal Kaiserschnitt- immer Kaiserschnitt“. Eine normale Geburt nach einem Kaiserschnitt galt als zu gefährlich.

Das hat sich geändert. Heute gebären viele Frauen ihr zweites Kind natürlich, obwohl das erste ein Kaiserschnitt war.

Das besondere ist, dass das Narbengewebe des Kaiserschnitts nicht die gleiche Festigkeit hat, wie eine normale, unoperierte Gebärmutter. Bei einer normalen Geburt nach einem Kaiserschnitt besteht also eine leicht erhöhte Gefahr, dass dieses Narbengewebe während der Geburt aufreisst. Eine sogenannte Uterusruptur. Das kann eine Notfallsituation für Mutter und Kind bedeuten.

Da das Risiko mit einer Wahrscheinlichkeit von 2 von 1000 Geburten sehr gering ist, kann man eine Geburt versuchen. In jedem Fall sollte es aber ein ausführliches Vorgespräch einige Wochen vor dem errechneten Termin geben.

Dort sollte genau besprochen werden, warum die erste Geburt ein Kaiserschnitt war.

War es, weil das Kind sich falsch ins Becken gedreht hat und ausserdem 4800 Gramm gewogen hat? Wenn bei der jetzigen Schwangerschaft das Kind kleiner geschätzt wird, wird man es eher versuchen als wäre das zweite Kind grösser geschätzt und hätte es schon beim ersten Kind mit Verdacht auf ein Kopf-Becken-Missverhältnis einen Kaiserschnitt gegeben.

Wenn die Chancen für eine normale Geburt gut stehen, wird man wahrscheinlich eine normale Geburt mit Euch anstreben. Wenn Ihr das möchtet.

Bei einem Geburtsstillstand wird man aber sehr viel früher und grosszügiger erneut einen Kaiserschnitt machen, um das Narbengewebe nicht lange zu belasten.

KANN MAN NACH EINEM KAISERSCHNITT EINE NORMALE GEBURT EINLEITEN?

Sehr ungern leitet man nach einem Kaiserschnitt eine Geburt mit Medikamenten ein. Man will vermeiden, dass die Gebärmutter durch die Medikamente überstimuliert wird.

Das im Einleitungskapitel beschiebene [Misoprostol] wird nach einem Kaiserschnitt nicht benutzt, da man aus Studien weiss, dass es darunter häufiger zu einer Uterusruptur kommt. Muss man zwingend einleiten, nimmt man Prostaglandine E2. Die Einleitungen dauern meistens etwas länger. Und häufiger macht man wegen erfolglosem Einleitungsversuch einen Kaiserschnitt.

WAS SIND 'STERNENGUCKER'?

Normalerweise drehen die Babys sich während des Geburtsvorgangs so, dass ihr Rücken entweder rechts oder links unter der Bauchdecke der Frau zu tasten ist. Wird das Köpfchen geboren während die Frau im Bett liegt oder sitzt, schaut das Baby nach unten.

Bei einem „Sternengucker“ hat das Baby sich um 180 Grad fehl eingestellt. Der Rücken zeigt zur müterlichen Wirbelsäule. Unter der Bauchdecke tastet man die Händchen und Füsschen des Babys. Wird der Kopf geboren, würde das Baby nach oben, zur Decke oder eben „zu den Sternen“ schauen.

Sternengucker passen sich nicht so gut dem mütterlichen Becken an. Diese Haltung braucht mehr Platz, der bei der Geburt aber ein rares Gut ist. Deshalb verlaufen die Geburten häufiger länger. Und häufiger müssen sie mit einer Saugglocke oder einem Kaiserschnitt beendet werden, weil es nicht mehr weiter geht. Die Diagnose lautet dann „Geburtsstillstand bei kindlicher Fehleinstellung“.

Immer wieder werden Kinder aber auch so geboren. Das sieht ganz lustig aus.

Oder aber die Kinder drehen sich noch während des Geburtsverlaufs. Wir versuchen das zu erreichen, in dem wir mit den Frauen besonders viel „Turnen“, d.h. die Positionen wechseln.


WAS IHR BESSER NICHT WISSEN SOLLTET

Ihr solltet nicht noch mehr über Notfälle, Geburtsschäden lesen, googeln, reden hören…etc.

Die Geburtshilfe war noch nie so sicher und gut wie heute. Geburtsschäden oder kindliche und mütterliche Todesfälle sind so gering wie nie!

Deshalb möchte ich auf meiner Seite hier auch nicht zuviel über Notfälle schreiben.

Ich bin aufgrund meiner Erfahrung der festen Ansicht, dass es nichts hilft, wenn man sich als werdende Eltern zu sehr mit Informationen über Notfälle belastet.

So ein Wissen macht nur Sinn, wenn es dazu beiträgt, derartige Situationen zu vermeiden. Da das nicht möglich ist, möchte ich viel eher apellieren, Euch nicht zu sehr mit Katastrophen zu befassen! Das tut man ja in der Regel auch nicht, bevor man mit dem Flugzeug in die Ferien fliegt. Dort vertraut man auch der Airline, dem Piloten und dem Schicksal. Man kann es ja nicht ändern.

Das Internet bietet so viele Möglichkeiten, zu viele Informationen zu bekommen, die Euch mehr verwirren als dass sie zur Klärung beitragen. Derart überinformierte und verunsicherte Paare haben wir oft! Wenn ihr konkrete Fragen oder Ängste habt, fragt Euren Arzt/Ärztin oder Eure Hebamme. Hebammen machen übrigens auch Schwangerschaftskontrollen!

Ich rate Euch, mit gutem Menschenverstand, Körper- und Bauchgefühl in die Geburt zu gehen. Vertraut Euch, dem Baby, dem Prozess und zu guter Letzt der Institution, bei der Ihr gebären werdet. Auch ein Notfallkaiserschnitt ist für alle – ausser Euch – eine Standardsituation, die einfach, aber Hauptsache schnell zu lösen ist. Und die dann fast immer gut aussgeht.

Ihr habt allen Grund voller Vorfreude, Neugier und Spannung in die Geburt zu gehen! Und ein bisschen Dankbarkeit, dass wir hier so gute Möglichkeiten zur Verfügung haben, während zur selben Zeit Frauen und Kinder in der dritten Welt tatsächlich Gefahren bei der Geburt ausgesetzt sind.

Nachbesprechung

Geburten können wunderbare Erfahrungen sein.

Eine Geburt mit Komplikationen, aber manchmal auch eine scheinbar normale Geburt kann zu einer belastenden Erinnerung werden.

Gespräche direkt nach der Geburt sind gut, aber oft noch zu früh. Es ist immer möglich, auch Wochen oder Monate nach der Geburt in einem Nachgespräch mit der Hebamme die Geburt zu besprechen!