Die ersten Stunden nach der Geburt

Nach der Geburt eures Babys bleibt Ihr noch für 2-4 Stunden im Gebärsaal.

Was genau in diesen ersten spannenden Stunden passiert, möchte ich Euch gerne Schritt für Schritt in diesem Kapitel erklären.


WANN UND WIE WIRD EIN DAMMRISS/DAMMSCHNITT GENÄHT?

Nach der Geburt der Plazenta inspizieren wir vorsichtig den Damm und die Scheide, ob es einen Riss des Dammes oder der Scheide gegeben hat, den man nähen muss.

Wenn der Riss nur sehr klein ist und nicht blutet, muss man nicht nähen.

Sollte eine Naht nötig sein, macht man es direkt im Anschluss an die Geburt.

Das Gebärbett wird dazu mit ein paar Handgriffen umgebaut, dass es aussieht wie ein gynäkologischer Stuhl. So ist es für die Ärzte einfacher zu nähen.

Nach der Geburt fühlt sich alles wund an. Deshalb wird das Gewebe wie beim Zahnarzt lokal betäubt. Wer eine PDA hat, spürt sowieso weniger oder nichts bei der Naht.

Genäht wird mit resorbierbarem Nahtmaterial, d.h. die Fäden lösen sich von alleine auf und müssen nicht gezogen werden.

Das Nähen dauert je nach Schwere der Geburtsverletzung ca. 15-45 Minuten.

Das Baby ist während der Zeit bei Euch auf der Brust. Einige Kinder fangen dann schon an zu suchen und wollen gestillt werden, andere brauchen noch ein bisschen Zeit.

Das Wundgebiet ist eigentlich das schwierigste, was man sich denken kann: besiedelt von Darmbakterien, immer feucht, Reibung durch Bewegung, Druck durch sitzen…. aber dadurch, dass Ihr junge gesunde Frauen seid, verläuft die Wundheilung in aller Regel unproblematisch.


DAS ERSTE STILLEN

Wir haben bei uns im Spital die Weisung, dass das Baby die erste Stunde nicht von uns untersucht werden darf, es sei denn, es braucht medizinisch unsere Unterstützung.

Es soll ungestört mit Euch kuscheln können. Die meisten Kinder fangen in der ersten Stunde an, nach der Brust zu suchen. Wenn ihr stillen wollt, ist das der beste Zeitpunkt dafür. Wir Hebammen helfen Euch.

Das Baby soll auf Höhe Eurer Brustwarze liegen, so dass es sein Köpfchen nicht beugen, strecken oder zu einer Seite drehen muss.

Wenn es dann seinen Mund weit öffnet, soll es möglichst viel von der Brustwarze und dem Warzenhof in den Mund nehmen. Am Anfang hilft es, wenn man die Brustwarze mit den Fingern formt und den Kopf des Babys mit einer Hand führt. Später geht das „automatisch“.

Idealerweise trinkt das Baby an beiden Brüsten jeweils ca. 15-20 Minuten.

Wichtig ist, dass ihr Frauen bequem liegt. Ihr werdet viel stillen in den nächsten Wochen. Es ist nicht nur gemütlicher für Euch und beugt Verspannungen vor, sondern es ist auch wichtig für die richtige Stilltechnik des Babys.

Wenn ihr nicht stillen wollt, soll das Baby trotzdem in aller Ruhe bei und mit Euch kuscheln und bekommt dann, wenn es sucht, sein erstes Schoppenfläschchen.

Ein gestilltes, gesundes Kind braucht im Normalfall keine zusätzliche Nahrung. Ausnahmen sind z.B. Kinder von Frauen mit einem Diabetes, Frühgeburten oder Kinder, die aufgrund einer schlechten Versorgung durch die Plazenta sehr klein für ihre Schwangerschaftswoche sind.

Mehr zum Stillen, gibt es im Kapitel Wochenbett.


WAS PASSIERT MIT DEM BABY IN DEN ERSTEN STUNDEN?

Erstuntersuchung

Wenn das Baby gestillt worden ist, wollen die Eltern und auch wir gerne wissen, wie gross und schwer es ist. In den meisten Spitälern findet diese Erstuntersuchung direkt im Gebärsaal statt, so dass Ihr Eltern dabei zuschauen könnt.

Das Baby wird von Kopf bis Fuss untersucht. Es wird geschaut, ob alles in richtiger Anzahl und Reihenfolge vorhanden ist, das Baby alle neurologischen Reflexe zeigt, das Herz, Atmung, Hautfarbe und Verhalten des Kindes bestätigen, dass die Kreislaufumstellung problemlos funktioniert.

Das Baby wird von einer gynäkologischen Ärztin/Arzt oder einer Hebamme untersucht. Eine kinderärztliche Untersuchung findet vor Austritt aus dem Spital statt.

Vitamin K-Prophylaxe

Routinemässig wird allen Kindern im Rahmen dieser Erstuntersuchung ein paar Tropfen Vitamin K in den Mund geträufelt. Vitamin K braucht der Körper, um Gerinnungsfaktoren herzustellen, um selber innere oder äussere Blutungen zu stoppen.

Innere Blutungen, wie z.B. Hirnblutungen sind vor allem bei sehr kleinen Frühgeborenen ein grosses Problem.

Bei gesunden, reifen Kindern am Termin ist die Gefahr von inneren Blutungen sehr gering.

Da die Prophylaxe aber so einfach und nebenwirkungsfrei ist, wird sie bei allen Kindern empfohlen.

Sie wird am Tag der Geburt, nach 3 Tagen und beim ersten Kinderarztbesuch nach 4 Wochen wiederholt.

Als Eltern müssen wir Euch über diese Maßnahme informieren und Euer Einverständnis einholen.

Temperaturkontrolle

Am ersten Tag kontrollieren wir bei den Neugeborenen bei jedem Wickeln die Temperatur, da die Kleinen manchmal Mühe haben, ihre Temperatur zu halten. Sie kühlen schnell aus und überhitzen aber auch schnell ohne dass sie Fieber haben. Die ideale Temperatur für ein Neugeborenes liegt zwischen 36,5 und 37,5.

Zuhause müsst ihr eurem Baby nicht dauernd die Temperatur kontrollieren! Das wäre übertrieben. Wenn ihr sehr unsicher seid, ob das Baby richtig gekleidet ist, könnt ihr die Temperatur aber rektal, also im After des Babys mit einem Digitalthermometer messen.

Mit ein bisschen Übung und Vertrauen in sich und das Baby reicht es dann, dem Baby mit einem Finger die Temperatur am Nacken zu fühlen. Dort spürt man gut, ob es zu warm oder zu kalt hat. Die Händchen sind noch häufig nicht gut durchblutet und eher kühl.

Nach der Geburt sind die Babys häufig für 2 Stunden sehr wach und aufmerksam. Nachdem sie gestillt und untersucht wurden, sind die meisten aber völlig erledigt von den aufregenden Ereignissen und schlafen tief und fest für mehrere Stunden.


WAS PASSIERT IM GEBÄRSAAL BIS ZUR VERLEGUNG INS WOCHENBETT?

Erholen und essen

Ihr Frauen dürft Euch nach der Geburt erst einmal erholen.

Viele Frauen merken plötzlich wie hungrig sie sind. Und das schöne ist, ihr dürft essen, was ihr wollt. Die Einschränkungen aus der Schwangerschaft sind aufgehoben. Ihr könntet also Rohmilchkäse, rohes Fleisch, Sushi und all das, was ihr entbehren musstet zur Feier des Tages auftischen lassen. Leider gibt es all diese feinen Sachen nicht im Spital.

Uterus-Blutungskontrolle

Wir Hebammen werden in den ersten Stunden Eure vaginale Blutung häufig kontrollieren. Dazu schauen wir auf die Binde und tasten mit einer Hand nach der Gebärmutter, die sich durch die Nachwehen fest zusammenzieht und am Nabel zu fühlen ist.

Erstes Aufstehen, duschen und WC

Ihr solltet nach der Geburt unter unserer Begleitung zum ersten Mal wieder aufstehen.

Wir achten darauf, dass Ihr in den ersten 6 Stunden nach der Geburt zum Wasser lösen auf das WC geht. Das ist wichtig. Zum einen wollen wir sehen, dass die Blase nach der Geburt gut funktioniert. Zum anderen ist es wichtig, die Blase regelmässig zu leeren, weil eine volle Blase die Nachwehen der Gebärmutter und somit die Blutstillung aus der Plazentahaftfläche behindern kann.

Wer mag, kann nach der Geburt duschen.

Nach 2-4 Stunden werdet Ihr auf die Wochenbettabteilung verlegt.

 

KANN DER MANN AUF DER WOCHENBETTABTEILUNG BLEIBEN?

Einige Spitäler bieten sogenannte Familienzimmer an. Dann kann der Mann bleiben.

Je nach Spital und Versicherungsstatus ist für den Mann ein Zusatzbett und für die Verpflegung zu zahlen.

Bei uns im Spital kommt man als allgemein versicherte Frau in ein Dreibettzimmer.

Man kann einen Aufpreis für z.B. ein Einzelzimmer bezahlen. Das kostet pro Nacht 240 Franken. 30 Franken kämen noch dazu, wenn der Mann ebenfalls dort schläft.

Eine Garantie gibt es auf dieses Upgrade nicht. Wenn kein Zimmer frei ist oder privat versicherte Patienten kommen, ist es nicht möglich.


WIE LANGE BLEIBT MAN IM SPITAL?

Nach einer normalen Geburt zahlen die Krankenkassen einen Aufenthalt von maximal 5 Tagen.

Nach einem Kaiserschnitt ist die maximale Aufenthaltsdauer 5-7 Tage.

Das bedeutet aber nicht, dass Ihr so lange bleiben müsst. Die Wochenbettabteilungen sind ja kein Gefängnis.

Ihr könnt selbstverständlich auch schon vorher gehen, sofern Euer Gesundheitszustand das zulässt.

Viele Frauen gehen nach einer normalen Geburt nach 3 Tagen nach Hause. Oft ist jedoch der 3. Tag nach der Geburt ein „Heultag“, an dem die Hormone ganz durcheinander sind, die erste Müdigkeit sich breit macht, die Brüste schmerzen…. ich würde Euch empfehlen, den Austrittstag nicht in Stein zu meisseln, sondern spontan zu schauen.


WAS IST EINE AMBULANTE GEBURT?

Eine ambulante Geburt bedeutet, dass man im Spital gebärt, aber am selben Tag wieder nach Hause geht. Wir wollen gerne, dass Frauen bei uns noch 6-8 Stunden im Gebärsaal bleiben, so dass wir die Blutung aus der Gebärmutter noch ein bisschen länger beobachten können. Auch sollte das Baby die ersten 2 Mal gestillt worden sein.

Eine ambulante Geburt setzt voraus, dass Ihr vaginal und nicht per Kaiserschnitt geboren habt. Eine Geburt per Saugglocke ist kein Hinderungsgrund, sofern es Mutter und Kind gut geht.

Unbedingt empfehlenswert ist, dass Ihr eine Hebamme für die Betreuung Zuhause habt. Die Hebamme sollte am selben Tag schon ihren ersten Besuch bei Euch machen.

Ich persönlich habe auch ambulant geboren und finde, es hat viele Vorteile:

• Ihr könnt Euch schneller wieder erholen, weil Ihr Euch keiner Spitalroutine anpassen müsst. Wenn Ihr schlafen wollt, kommt sicher niemand und fragt nach der Essensbestellung, macht Visite, bekommt die Bettnachbarin schon wieder Besuch oder weint deren Kind.

• Ihr habt mit Eurer Hebamme nur eine einzige Ansprechsperson und nur eine Meinung. Auch wenn ein Spital sich durch interne Schulungen bemüht, dass alle Mitarbeiter dasselbe erzählen- oft sind Paare doch verwirrt von den verschiedenen Tipps, Meinungen und Strategien bei z.B. Stillproblemen.

• Ich denke, Ihr werdet deshalb schneller selbstsicherer im Umgang mit dem Kind.

Aber es muss sich für Euch richtig anfühlen. Ich höre auch oft, wie sehr Paare den Aufenthalt auf einer Wochenbettabteilung genossen haben.

Ihr könnt diese Entscheidung auch spontan nach der Geburt noch treffen.